Magenumdrehung – kein Thema für Kleinhunde?

Beitrag für den VK sowie die Hefte des Schweizerischen Papillon- und Phalene-Club:

Ich fuhr zu einem kleinen Reiterfest bei Freunden. Mein Papillonpärchen war natürlich dabei - stets so glücklich über jede Minute, die sie auf diesem Hof verbringen durften. Nachmittags wurde gegrillt - ein Spanferkel. Je krosser das Fleisch wurde, desto mehr Gäste trafen ein - und sie brachten ebenfalls Hunde mit. Mit Ausnahme meiner beiden waren alle etwa schäferhundgroß. Doch - oh Wunder - ausnahmslos erwiesen sich alle Hunde als gut erzogen und friedlich, obwohl eine ganze Reihe fremder darunter waren. Sämtliche Hunde liefen frei, es gab keine Probleme.

Irgendwie ergab es sich, dass wir Hundebesitzer vor Beginn des Essens unsere Hunde in ein paar Metern Abstand am Rande des Reitplatzes frei ablegten. Ein schönes Bild, diese 15 Vierbeiner unterschiedlichster Rassen, die da ganz entspannt und gelassen in einer Reihe lagen: Border-Collies, Schäferhunde, Labradore und allerhand Mischlinge. Mittendrin meine zwei Papillons.

Es kam dann, wie es kommen musste. Irgendeinem der Nicht-Hundebesitzer brach das Herz: Den Hunden wurde Futter gebracht. In so einer Situation sollte man einen Papillon nicht unter Großhunden lassen, also rief ich meine Winzlinge zu mir. So saßen sie also unter dem Tisch. Doch war das Fehlen meiner Papillons jenen fütterungswütigen Menschen nicht entgangen. Meinen Zwergen wurden natürlich die größten, in diesem Spanferkel eingebauten Knochen serviert. Ich ließ es zu: Es war sehniges, hart getrocknetes Fleisch dran, ungewürzt, zur Reinigung der Zähne geeignet. Meine Hunde würden sich damit beschäftigen und nichts vom Knochen abbeißen.

Ich behielt sie natürlich im Auge, schon weil sie ihre Beute gegen die anderen Hunde verteidigen könnten. An unserem Tisch entstand Bewegung. In demselben Augenblick, wo sich jemand mit ausgestreckter Hund zu meinem Birko runterbeugte, stand ein anderer auf - und als er sein Bein über die Bank schwingen wollte, kam dieses dem Hund mit einer plötzlichen Bewegung ganz nahe. Der rettete hastig sein Futter und sich aus der Gefahrenzone.

Und da stand er nun, würgte und würgte. Er hatte im Sprung zur Seite einen viel zu großen Brocken ganz verschluckt und wollte ihn nun wieder ausbrechen. Zuerst sah das ganz normal aus. Dann aber machte es bald einen sehr bedrohlichen Eindruck. Der Hund litt außerordentlich, würgte bis zur völligen Erschöpfung, stöhnte. Der Leib schwoll dicker und dicker an. Den Fremdkörper ertasten konnte ich nirgends, weder im Rachen noch halsabwärts. Der Bauch war hochgradig druckempfindlich, ich nahm den Hund und lief ins Haus, um den Tierarzt anzurufen. Der ortsansässige war nicht da, die Telefonnummer eines anderen, den ich (Wochenende!) privat erreichen konnte, fand sich im fremden Haushalt nicht so schnell. Es dauerte Ewigkeiten bis ich jemanden herbei zu rufen vermochte, der mir helfen konnte. Während da weiter nach der Nummer gesucht wurde, setzte ich meine Bemühungen fort, den harten Brocken im Verdauungssystem meines Hundes zu ertasten. Birko hatte inzwischen ganz massive Atemnot und schien mir unter den Händen wegzusterben. Wie ich völlig verzweifelt mit den Händen tief in den aufgeblasenen kleinen Leib hinein fühlte, kam plötzlich ein tiefes, dunkles Röhren stöhnend aus ihm. Es war kein normaler Klagelaut eines Hundes. Danach war er etwas erleichtert. Ich hatte die Idee, dass der harte Nahrungsbrocken mechanisch etwas verschloss. So tastete ich erneut an derselben Stelle, vom Bauch nach oben unter den Rand der Rippen. Nun ein brüllendes, fauchendes Entströmen von Luft: Wie ein Spuk war alles vorbei. Mein geliebter Hund war wieder normal, nur ziemlich erschöpft.

Daheim angekommen studierte ich gleich in derselben Nacht mein dickes Standard-Lehrbuch Hundekrankheiten (für Tierärzte) durch, um mir Klarheit zu verschaffen. Es fand sich nichts, was an Krankheitssymptomen auf unser Geschehen gepasst hätte. Nur eines stimmte perfekt überein: sämtliche Symptome der Magenumdrehung! Um meinen Verdacht abzusichern befragte ich anschließend drei Tierärzte, unabhängig voneinander. Alle bestätigten mir meine Diagnose.

Welcher Kleinhundebesitzer denkt schon an eine Magenumdrehung???? Bei einer Deutschen Dogge wäre mir in derselben Situation sofort dieser Verdacht aufgestiegen - und ich hätte augenblicklich gewusst, dass jede Sekunde zählt. Aber bei einem 3.6 kg schweren Zwerghund? Wer kommt da schon auf diese Idee.

Nachträglich fiel mir da ein südafrikanischer Freund ein, der mir vor vielen Jahren erzählte, wie er als Bub bei einem Tierarzt in der Praxis helfen durfte. Er hatte dort mehrfach bei Operationen wegen Magenumdrehung zugeschaut und dadurch entsprechendes anatomisches Wissen. Einige Zeit später kam er dann mit seinem eigenen Hund in dieselbe Situation. Nur befand er sich weitab von jeglicher Zivilisation im Busch, und an eine Operation wagte er nicht zu denken. Es gelang ihm damals, seinem Hund mittels bestimmter gezielter Griffe den Magen wieder in die normale Position zurückzudrücken. Diese Handgriffe waren so wirkungsvoll, dass der Tierarzt sie später übernahm und gelegentlich einem Hund die Operation dadurch zu ersparen vermochte. Es klappte keineswegs immer, aber doch manchmal schon.

Vermutlich habe ich also bei meinem Versuch, den Futterbrocken zu ertasten und zurückzuschieben, zufällig den richtigen Ansatzpunkt erwischt - und dadurch erreicht, dass der wohl noch nicht vollständig umgekippte Magen sich wieder zurückverlagerte. Solche Versuche sind allerdings keineswegs zur Nachahmung empfohlen! Eine Magenumdrehung ist lebensbedrohlich, bei jedem Verdacht gehört der Hund augenblicklich in die Praxis eines versierten Tierarztes. Jede Minute ist ausschlaggebend - also keine Zeit mit laienhaften Rettungsversuchen verplempern! Man kann durch die Tasterei nämlich auch genau das Gegenteil verursachen, nämlich: dass der Magen sich vollends abdreht.

Der verlagerte Magen wird eingeklemmt, er gast auf und drückt die Lunge zusammen. Eine sofortige Röntgenaufnahme ist zur diagnostischen Abklärung erforderlich, der Hund erstickt sonst. Man muss wissen, wo der Magen sich befindet, dann kann er punktiert und das Gas abgesaugt werden. Anschließend erst ist meist die OP nötig, zumindest bei großen, schweren Rassen. Hin und wieder handelt es sich aber auch nur um eine Magendilatation, die sich von selbst behebt, indem der Mageninhalt erbrochen werden kann. Aber auch hier muss geröntgt werden, auch sie kann dramatische Formen annehmen.

Also, die Leitsymptome für Magenumdrehung sind akut und dramatisch:

  • plötzlich auftretende massive Aufblähung des Leibes
  • erfolglose Würge- und Brechversuche
  • oft gekoppelt mit Atemnot
  • Unruhe, Stöhnen, die Tiere fühlen sich sichtlich sehr schlecht

Wenn allerlei unglückliche Zufälle zusammentreffen, sind auch Zwerghunde vor dieser Erkrankung nicht sicher! Es lohnt sich daher, sich die Symptome dieser lebensbedrohlichen Erkrankung gut einzuprägen!!!